Schreibplätze in der Natur kenne, nutze und habe ich.
Im Alltag und auf Reisen. In meinem Garten und auf Balkonen mit Bergblick. Beim Radfahren, Spazieren oder Wandern auf Bänken.
Was also meint mein Wunsch: „Ein Schreibplatz in der Natur“?
Die äußere und die innere Natur. Wir Menschen sind Natur. Was ist meine Natur?
Vor Jahren in der Vorstellungsrunde zur Ausbildung „Naturzyklische Prozessbegleitung“. Immer wieder fällt der Satz: „Ich möchte naturnäher wohnen/leben“.
Mein Gedanke: Wir sind ja selbst Natur. Hieße „naturnäher wohnen/leben“ zuallererst, sich der eigenen Natur zu nähern? Ihr gemäßer zu leben? Mehr und mehr in ihr Platz zu nehmen?
Ich wünsche mir, mich mehr und mehr niederzulassen in meiner Schreibnatur: Barfuß schreiben.
Weißt du von einer deiner Natur, der du gerne näher kommen möchtest?
Mit achtundzwanzigeinhalb Jahren habe ich meine Universitätslaufbahn begonnen. Nun, achtundzwanzigeinhalb Jahre später, werde ich sie beschließen.
Damals war Frühling, jetzt ist es Herbst. 30. September 2025. Mein letztes Semester als Lehrbeauftragte endet.
In den Bergen begebe ich mich auf eine Ritualwanderung: „Ich verabschiede die Uni, trete heraus und begrüße das unbekannte Neue“. Meine Freundin Blanka begleitet mich.
Die Ritualwanderung – Ein Ausblick
Die Uni wird keine Rolle mehr spielen. Nur noch der Schritt aus der Uni. Doch wo ist die Schwelle?
Bedeutsam wird sein:
Wohin es mich zieht. Welcher Weg mich dorthin führt. Auf welche Weise ich dorthin gelange.
Im Gehen wird sich ein Bogen von einem Herzen zu meinem Herzen spannen.
Blanka wird mir ein Herz geben. Eine silberne Dose in Herzform. „Für alles, was du findest.“
Meinen Wunschplatz werde ich finden – und weitergehen. Fundstücke werde ich sammeln und das Herz füllen.
Daraufhin wird ein Feuer brennen.
Feuer der Verwandlung? Mein Herz-Feuer? Ein Ruf?
Wiederfinden werde ich mich auf einem Weg der Elemente mit ihren Jahreszeiten und Bewegungen.
Wasser – Herbst und sinken. Erde – Winter und Stillstand. Luft – Frühling und aufsteigen.
Meinen Wunschplatz werde ich erneut finden – und bleiben. Das gefüllte Herz werde ich wieder leeren.
Ich werde mein Herz hören. Es sehnt sich nach einer Art von Leere, damit es aus der Fülle schöpfen kann.
Ich werde mein Herz hören und ihm folgen. Tänzelnd.
Mein Herz hat mich gefunden.
Die Ritualwanderung
Ein Herz
Blanka und ich treffen uns an einem kleinen Bahnhof im milden Vorbergeland. Um den Anfang für unsere Wanderung zu wählen, lasse ich mich von meiner inneren Stimme leiten. Auch die Route wird so entstehen.
Fußläufig liegen ein schöner See und ein mystisches Moos. Uns aber führt es in ein schlichtes Wohngebiet. Von Weitem zieht mich ein Dunkel am Rande einer Wiese an – Beginn eines Trampfelpfads?
Dorthin begeben wir uns. Blanka bereitet die Ritualeröffnung vor. Ich lasse meine Blicke schweifen: Eine Stange, daran ein Täschchen, darin Rauchutensilien. Oder auch: Räucherutensilien.
Da stehen wir nun und singen, trommeln, räuchern. Inmitten von Salbeischwaden reicht mir Blanka eine silberne Dose in Form eines Herzens: „Für alles, was du findest.“ So tauchen wir ein in die magische Welt.
Ein Herz füllen
Unser Weg ist von hohen und dichten Büschen gesäumt, schmal und dunkel. Nach wenigen Metern biegt er scharf ab. Wie es weitergeht und wohin er führt: Unsichtbar. In der Heckenecke sehen wir Kornelkirschen. Wir pflücken, naschen und sammeln sie.
Wir biegen um die Ecke und gelangen in eine offene, weite und helle Parklandschaft. Nach einigen Schritten fällt mir ein Rastplatz ins Auge: Holztisch und Holzbank, daneben ein hoch gewachsener Strauch. Unwillkürlich rufe ich: „Ein Schreibplatz in der Natur. Das wünsche ich mir!“ Die Glocken läuten.
Wir ziehen weiter. Auf einem Spielplatz fahren wir Seilbahn und tönen durch eine Röhrenrutsche hindurch. Auf einem Brett liegen handbemalte Steine. Blanka folgt meinen Blicken und legt mir als Tauschmittel eine glänzende Kastanie in die Hand.
Eine kleine Weile irren und wirren wir hin und her. Ich stolpere über einen Grenzstein. Dabei fällt mir ein: Die Schwelle aus der Uni werde ich dort finden, wo ich einen Platz oder Ort sehe, der mich anzieht und zu dem ich hin will. Ich spreche diesen Gedanken aus – und finde meinen Weg wieder.
Wir folgen einem Pfad zwischen weitläufigen Wiesen und großzügigen Gärten mit verborgenen Häusern. Sträucher und Bäume legen uns Blüten, Blätter und drei prächtige Walnüsse zu Füßen. Ich lese sie auf, hebe meine Augen, und schon sehe ich: Unsere Picknickbank!
Auf dem Weg dorthin fragt Blanka nach dem Herzen. Ich hole es hervor und zeige meine Schätze: Kornelkirsche, Marienkäfer-Stein, Hisbiskusblüte, Blatt, Paillette. „Alles rot“, sagt Blanka. Es war mir nicht bewusst.
Ein Weg der Elemente
Feuer
Wir decken und schmücken die Bank. Ein Blumentuch, Brezn auf einer dekorativ geknüllten Tüte, Trauben und Walnüsse in einer Schale, Blüten, ein Teelicht. Wir setzen uns. Blick zum Himmel: Der Regen naht.
Wir springen auf und tanzen einen wilden, verrückten Tanz. Rasselnd und singend, wedelnd und pustend bitten wir den Regen, an uns vorbeizuziehen. Tauchen wieder auf und drehen uns zur Bank: Feuer!
Kein Ritual ohne Feuer. Aber ein Brand an einem Regentag? Teelicht an Brezntüte sei Dank. Lachend treten wir die Flammen aus, setzen uns und kommen zur Ruhe. Speisen und schlemmen genüsslich.
Wasser
Regen Donner Hagel. Wir geben alles: Regenhosen, Regenschirme, Regenhüllen. Und essen stoisch weiter.
Doch dann sind die Regentropfenpfützen zu tief, die Hagelkörnerhaufen zu hoch, das Picknick zu nass.
Fröstelnd raffen wir unsere Sachen zusammen und eilen auf einem Pfad in ein nahe gelegenes Wäldchen.
Erde
Blanka verschwindet in den Büschen. In mir Schimpf und Jammer: Wer wollte das Ritual? Mochte den Tag nicht wechseln? Dachte: Wozu Schuhe imprägnieren? Und wie nur bringen wir das hier zu einem guten Ende?
Blanka kehrt zurück und zeigt mir auf einem Foto, was sie soeben entdeckt hat: Eine in den Erdboden eingelassene Grube aus Betonplatten. Düster, bedrückend.
Wir haben nasse Schuhe, Strümpfe und Füße. Wir frieren, stehen regungslos da, schweigen. Wir verweilen.
Luft
Der Regen lässt nach. Bald tropft es nur noch von den Bäumen, und es scheint heller zu werden. Vorsichtig treten wir aus dem Wald auf den Pfad: leicht abfallend, erdig und wurzelig, duftend. Zartes Aufatmen.
Ich folge dem Pfad mit den Augen. Vorne kreuzt er einen breiten, matschigen, unbegehbaren Weg. Jenseitig setzt er sich als Graspfad fort. Und trifft weiter unten auf – eine Holzbank zwischen zwei sehr hohen Birken.
Aus Pragmatismus und auch aus Wahrhaftigkeit sage ich zu Blanka: „Das ist mein Schreibplatz in der Natur. Den Holztisch denken wir uns. Dort will ich hin.“ Die Glocken läuten.
Ein Herzleeren
Wir nähern uns der Kreuzung. Nun erkenne ich auch die Schwelle aus der Uni hinaus: Dort, wo sich Erdweg und Graspfad berühren und Erde und Gras sich scheiden.
Wir legen unsere Sachen auf einer Bank oberhalb der Schwelle ab. Und lassen uns Zeit, zwischen beiden Orten hin- und herzupendeln. Dies und das will sortiert, gewerkelt, vorbereitet werden.
Mittendrin, ohne nachzudenken, hole ich das Herz aus meiner Manteltasche hervor, öffne es, nehme meine Fundstücke einzeln heraus und lege sie Stück für Stück, akkurat und in einer Linie an der Schwelle aus.
Sie gehören in die diesseitige Welt?
Mein Herz hören
Aus meinem Rucksack ziehe ich einen Rock. Gestern habe ich ihn mir eigens für das Ritual und in froher Erwartung des Neuen gekauft. Tagelang hatte er mich angelacht. Ein Silja-Rock: hosenkompatibel, viel rot.
In den nächsten Tagen werde ich ihn über einer Jeans tragen und glücklich durch die Berge wandeln. Für heute improvisiert Blanka. Rock wird Schürze über Regenhose unter Wintermantel. Wie auch immer:
Endlich endlich endlich trage ich meinen neuen, meinen leuchtenden, meinen roten Rock! Auch leihe ich mir Blankas roten Regenschirm. Warmes, weiches Licht.
Derweil äußere ich zwei-, dreimal, wie liebend gerne ich Schuhe und Strümpfe ausziehen würde und dass ich das selbstverständlich nicht machen werde. Wie könnte ich die nassen Sachen jemals wieder anziehen?
Wir treten an die Schwelle. Lassen uns erneut Zeit. Besprechen, bezeugen, beschweigen. Ich stehe vor der Schwelle. Rotgewandet. Ich atme ein, ich atme aus. „Blanka, ich muss meine Schuhe und Strümpfe ausziehen!“
Ein Kichern. Ein Werkeln. Was erfolgt?
Frei. Barfuß. In meiner Haut.
Allerhöchstzufrieden.
Ich stehe auf meinen bloßen Füßen. Ich stehe mit meinen bloßen Füßen da. Ich stehe mit meinen bloßen Füße auf der Erde.
Eine Freundin schenkte mir einmal das Wort: Im Herzen barfuß.
Über die Schwelle
Ich gehe über die Schwelle. Rotgewandet und barfuß. Das Gras ist weich und gar nicht kalt. Was für eine Wohltat! Was für eine Erleichterung!
Mein Körper geht in Bewegung. Ich nehme wahr. Ich gehe mit.
Ich tänzle den Pfad hinunter. Leichtfüßig und innerlich singend. Mein Rotröckchen schwinge ich, den Rotschirm schwenke ich. Mal drehe ich mich hierhin und mal dorthin. Ich tänzle über das Gras.
Ich komme an.
Berühre und küsse die eine Birke. Berühre und küsse die Bank. Berühre und küsse die andere Birke.
Komme zu stehen. Stehe an der Bank.
Spüre die eine Birke neben mir. Spüre die andere Birke neben mir. Spüre die Mächtigkeit dieser Bäume.
Über mir die Kronen der Birken. Unter mir Erde, Steine, Zweige, Blätter, Gras.
Es ist gut so.
Dank
Bank, Birken, Blanka bei mir.
Zwetschgenwasser in geschliffenen, kelchförmigen Gläsern vom Trödel.
Schicht für Schicht denke ich: Das nun ist der Grund! Und sinke tiefer.
Im Juli lande ich bei meinen Schatten und Schattenarbeit.
Verborgene, verlorene und versteckte innere Anteile, die gehört und gesehen, die geliebt und gelebt werden wollen. Sie ins Licht holen.
Nach Hause kommen.
Sollte ich mehr in meiner inneren Natur ankommen, werde ich freier sein, mich in der äußeren Natur zu orientieren. Werde ich den Ruf besser hören.
Welche Landschaft ruft mich?
All das begleitet die Schafgarbe.
Sie ist in diesem Jahr in meinen Garten eingezogen. Sie säumt meinen Weg vom Kelleraufgang in den Garten und rahmt meine Beete. Sie ist allgegenwärtig.
Svenja Zuther charakterisiert diese Pflanze mit dem Wort Ausrichtung.
Die Schafgarbe hütet meine Ausrichtung vom Grunde her. Der sonnig liegt. Mitten im Licht.
Welche Lebensbewegung prägt deinen Sommer?
Vielleicht eine frühlingshaft aufsteigende, eine sommerlich sich ausdehnende, eine herbstlich sinkende oder eine winterlich sich zusammenziehende?
Welche Pflanze gesellt sich in diesem Sommer zu dir?
Von Mond zu Mond. Von Himmelserscheinung zu Himmelserscheinung.
Anfang und Ende zusammenfügen.
Zum Maien-Vollmond werde ich gefragt: „Warum lebst du noch dort?“ Zum Juni-Vollmond schreibe ich eine Nachricht: „ich möchte meine Zusage zum Lehrauftrag hiermit wieder absagen.“
Von 1996 bis 1999 (Saturn in Widder) schließe ich mein Studium ab, ziehe um, beginne meine Universitätslaufbahn und eine Promotion.
2016 mache ich mich selbstständig und gebe weiterhin Lehraufträge. Die Dissertationsschrift hat längst meine Wohnung verlassen. Wortwechsel von „Ich bin Wissenschaftlerin“ zu „Ich bin Forscherin“. Seit 1. November 2024 trage ich wieder meinen Mädchennamen. Silja Schoett.
Von 2025 bis 2028 (Saturn in Widder) beende ich meine Universitätslaufbahn. Und werde umziehen? Und dann? – Rotsofa wird es mir zuflüstern.
Ich lebe noch hier, weil ich noch immer dabei bin, einen Anfang und ein Ende zu erforschen. Sie miteinander zu einem Kreis zu verbinden. Ihr Verbundensein zu verstehen.
Seit drei Tagen rieche ich die Linden. Süß, mild und weich.
Was hast du von 1996 bis 1999 erlebt? Deutet sich dir derzeit ein Zyklus an?
Im Dienste einer Vision hat die Auflösung angefangen. Sodann?
Im Garten
Einige Pflanzen bleiben lange kleinwüchsig. Sie wachsen nach unten. Sie bilden Wurzeln.
Bei zunehmendem Mond räume ich aus. Schritt für Schritt im Schneckentempo. Glücklich über jeden Gegenstand, der die Wohnung verlässt.
Zu Vollmond werde ich gefragt: „Warum lebst du noch dort?“ Seither liste ich lose Fäden auf, die versorgt werden wollen: Geliehenes zurückbringen, eine Verletztheit kundtun, Abschiede gestalten.
Bei abnehmendem Mond höre ich: ‚Beginne mit dem Aufräumen deiner Wohnung an deinem heiligen Ort.‘ Rotsofa! Bezüge saugen, abziehen, waschen und trocknen. Färben, waschen, trocknen und betrachten. Erneut färben, waschen, trocknen und betrachten. Aufziehen und saugen.
Neumond
Rotsofa nun dunkelrot. Jeder Krümel sichtbar. Die orange Decke passt nicht mehr. Rotsofa nun intensivrot. Zuwendungsbedürftig. Es braucht eine neue Decke.
Den heiligen Ort pflegen.
Wie wird sich Ordnung von hier aus Raum nehmen?
Wo war deine Geduld gefragt? Was hast du in der Tiefe entdeckt? Welcher Grund möchte von dir gehegt werden?
Auf einer Bummelei fällt mein Blick zu Boden auf eine Baustellenmarkierung: „Aufbruch“. Ich muss lachen. „Natürlich“ fällt mir die Frühlingsqualität wörtlich vor die Füße.
Vor meiner Unterkunft steht ein Apfelbaum. Er trägt grüne Knospen, als ich anreise, und als ich abreise, explodiert ein weißes Blütenmeer. Zwischendurch geschieht: Nichts.
In der Unterkunft gibt es keine elektronischen Medien. Stille, Stille, Stille. Wieder zu Hause erzähle ich: „Ich konnte meine innere Stimme besser hören.“ So tauchte eines Tages ein inneres Bild auf: Ich sitze am Tisch, blicke durchs Fenster auf Apfelbaum, Bauernhof und Bergmassivspitzen – und schreibe.
Dieses Bild ließ mich aufbrechen. Aus Schreibsehnsucht über ein Schreibkloster in den Schreibraum und Lesesaal, den ich im Sommer öffnete.
Vielleicht lautet ein weises März-Wort so: Brich noch nicht auf. Gehe noch einmal in die Stille. Was hörst, siehst, träumst du? Warte ab, bis du sicher spürst und weißt: Jetzt!