
Mit achtundzwanzigeinhalb Jahren habe ich meine Universitätslaufbahn begonnen. Nun, achtundzwanzigeinhalb Jahre später, werde ich sie beschließen.
Damals war Frühling, jetzt ist es Herbst. 30. September 2025. Mein letztes Semester als Lehrbeauftragte endet.
In den Bergen begebe ich mich auf eine Ritualwanderung: „Ich verabschiede die Uni, trete heraus und begrüße das unbekannte Neue“. Meine Freundin Blanka begleitet mich.
Die Ritualwanderung – Ein Ausblick
Die Uni wird keine Rolle mehr spielen.
Nur noch der Schritt aus der Uni.
Doch wo ist die Schwelle?
Bedeutsam wird sein:
Wohin es mich zieht.
Welcher Weg mich dorthin führt.
Auf welche Weise ich dorthin gelange.
Im Gehen wird sich ein Bogen von einem Herzen zu meinem Herzen spannen.
Blanka wird mir ein Herz geben.
Eine silberne Dose in Herzform.
„Für alles, was du findest.“
Meinen Wunschplatz werde ich finden – und weitergehen.
Fundstücke werde ich sammeln und das Herz füllen.
Daraufhin wird ein Feuer brennen.
Feuer der Verwandlung?
Mein Herz-Feuer?
Ein Ruf?
Wiederfinden werde ich mich auf einem Weg der Elemente mit ihren Jahreszeiten und Bewegungen.
Wasser – Herbst und sinken.
Erde – Winter und Stillstand.
Luft – Frühling und aufsteigen.
Meinen Wunschplatz werde ich erneut finden – und bleiben.
Das gefüllte Herz werde ich wieder leeren.
Ich werde mein Herz hören.
Es sehnt sich nach einer Art von Leere,
damit es aus der Fülle schöpfen kann.
Ich werde mein Herz hören
und ihm folgen.
Tänzelnd.
Mein Herz hat mich gefunden.
Die Ritualwanderung
Ein Herz
Blanka und ich treffen uns an einem kleinen Bahnhof im milden Vorbergeland. Um den Anfang für unsere Wanderung zu wählen, lasse ich mich von meiner inneren Stimme leiten. Auch die Route wird so entstehen.
Fußläufig liegen ein schöner See und ein mystisches Moos. Uns aber führt es in ein schlichtes Wohngebiet. Von Weitem zieht mich ein Dunkel am Rande einer Wiese an – Beginn eines Trampfelpfads?
Dorthin begeben wir uns. Blanka bereitet die Ritualeröffnung vor. Ich lasse meine Blicke schweifen: Eine Stange, daran ein Täschchen, darin Rauchutensilien. Oder auch: Räucherutensilien.
Da stehen wir nun und singen, trommeln, räuchern. Inmitten von Salbeischwaden reicht mir Blanka eine silberne Dose in Form eines Herzens: „Für alles, was du findest.“ So tauchen wir ein in die magische Welt.
Ein Herz füllen
Unser Weg ist von hohen und dichten Büschen gesäumt, schmal und dunkel. Nach wenigen Metern biegt er scharf ab. Wie es weitergeht und wohin er führt: Unsichtbar. In der Heckenecke sehen wir Kornelkirschen. Wir pflücken, naschen und sammeln sie.

Wir biegen um die Ecke und gelangen in eine offene, weite und helle Parklandschaft. Nach einigen Schritten fällt mir ein Rastplatz ins Auge: Holztisch und Holzbank, daneben ein hoch gewachsener Strauch. Unwillkürlich rufe ich: „Ein Schreibplatz in der Natur. Das wünsche ich mir!“ Die Glocken läuten.
Wir ziehen weiter. Auf einem Spielplatz fahren wir Seilbahn und tönen durch eine Röhrenrutsche hindurch. Auf einem Brett liegen handbemalte Steine. Blanka folgt meinen Blicken und legt mir als Tauschmittel eine glänzende Kastanie in die Hand.
Eine kleine Weile irren und wirren wir hin und her. Ich stolpere über einen Grenzstein. Dabei fällt mir ein: Die Schwelle aus der Uni werde ich dort finden, wo ich einen Platz oder Ort sehe, der mich anzieht und zu dem ich hin will. Ich spreche diesen Gedanken aus – und finde meinen Weg wieder.
Wir folgen einem Pfad zwischen weitläufigen Wiesen und großzügigen Gärten mit verborgenen Häusern. Sträucher und Bäume legen uns Blüten, Blätter und drei prächtige Walnüsse zu Füßen. Ich lese sie auf, hebe meine Augen, und schon sehe ich: Unsere Picknickbank!
Auf dem Weg dorthin fragt Blanka nach dem Herzen. Ich hole es hervor und zeige meine Schätze: Kornelkirsche, Marienkäfer-Stein, Hisbiskusblüte, Blatt, Paillette. „Alles rot“, sagt Blanka. Es war mir nicht bewusst.
Ein Weg der Elemente
Feuer

Wir decken und schmücken die Bank. Ein Blumentuch, Brezn auf einer dekorativ geknüllten Tüte, Trauben und Walnüsse in einer Schale, Blüten, ein Teelicht. Wir setzen uns. Blick zum Himmel: Der Regen naht.
Wir springen auf und tanzen einen wilden, verrückten Tanz. Rasselnd und singend, wedelnd und pustend bitten wir den Regen, an uns vorbeizuziehen. Tauchen wieder auf und drehen uns zur Bank: Feuer!
Kein Ritual ohne Feuer. Aber ein Brand an einem Regentag? Teelicht an Brezntüte sei Dank. Lachend treten wir die Flammen aus, setzen uns und kommen zur Ruhe. Speisen und schlemmen genüsslich.
Wasser
Regen Donner Hagel. Wir geben alles: Regenhosen, Regenschirme, Regenhüllen. Und essen stoisch weiter.
Doch dann sind die Regentropfenpfützen zu tief, die Hagelkörnerhaufen zu hoch, das Picknick zu nass.
Fröstelnd raffen wir unsere Sachen zusammen und eilen auf einem Pfad in ein nahe gelegenes Wäldchen.
Erde

Blanka verschwindet in den Büschen. In mir Schimpf und Jammer: Wer wollte das Ritual? Mochte den Tag nicht wechseln? Dachte: Wozu Schuhe imprägnieren? Und wie nur bringen wir das hier zu einem guten Ende?
Blanka kehrt zurück und zeigt mir auf einem Foto, was sie soeben entdeckt hat: Eine in den Erdboden eingelassene Grube aus Betonplatten. Düster, bedrückend.
Wir haben nasse Schuhe, Strümpfe und Füße. Wir frieren, stehen regungslos da, schweigen. Wir verweilen.
Luft
Der Regen lässt nach. Bald tropft es nur noch von den Bäumen, und es scheint heller zu werden. Vorsichtig treten wir aus dem Wald auf den Pfad: leicht abfallend, erdig und wurzelig, duftend. Zartes Aufatmen.
Ich folge dem Pfad mit den Augen. Vorne kreuzt er einen breiten, matschigen, unbegehbaren Weg. Jenseitig setzt er sich als Graspfad fort. Und trifft weiter unten auf – eine Holzbank zwischen zwei sehr hohen Birken.
Aus Pragmatismus und auch aus Wahrhaftigkeit sage ich zu Blanka: „Das ist mein Schreibplatz in der Natur. Den Holztisch denken wir uns. Dort will ich hin.“ Die Glocken läuten.
Ein Herz leeren
Wir nähern uns der Kreuzung. Nun erkenne ich auch die Schwelle aus der Uni hinaus: Dort, wo sich Erdweg und Graspfad berühren und doch Erde und Gras sich scheiden.
Wir legen unsere Sachen auf einer Bank oberhalb der Schwelle ab. Und lassen uns Zeit, zwischen beiden Orten hin- und herzupendeln. Dies und das will sortiert, gewerkelt, vorbereitet werden.
Mittendrin, ohne nachzudenken, hole ich das Herz aus meiner Manteltasche hervor, öffne es, nehme meine Fundstücke einzeln heraus und lege sie Stück für Stück, akkurat und in einer Linie an der Schwelle aus.
Sie gehören in die diesseitige Welt?
Mein Herz hören
Aus meinem Rucksack ziehe ich einen Rock. Gestern habe ich ihn mir eigens für das Ritual und in froher Erwartung des Neuen gekauft. Tagelang hatte er mich angelacht. Ein Silja-Rock: hosenkompatibel, viel rot.
In den nächsten Tagen werde ich ihn über einer Jeans tragen und glücklich durch die Berge wandeln.
Für heute improvisiert Blanka. Rock wird Schürze über Regenhose unter Wintermantel. Wie auch immer:
Endlich endlich endlich trage ich meinen neuen, meinen leuchtenden, meinen roten Rock! Auch leihe ich mir Blankas roten Regenschirm. Warmes, weiches Licht.
Derweil äußere ich zwei-, dreimal, wie liebend gerne ich Schuhe und Strümpfe ausziehen würde und dass ich das selbstverständlich nicht machen werde. Wie könnte ich die nassen Sachen jemals wieder anziehen?
Wir treten an die Schwelle. Lassen uns erneut Zeit. Besprechen, bezeugen, beschweigen.
Ich stehe vor der Schwelle. Rotgewandet. Ich atme ein, ich atme aus.
„Blanka, ich muss meine Schuhe und Strümpfe ausziehen!“
Ein Kichern. Ein Werkeln. Was erfolgt?
Frei.
Barfuß.
In meiner Haut.
Allerhöchstzufrieden.
Ich stehe auf meinen bloßen Füßen.
Ich stehe mit meinen bloßen Füßen da.
Ich stehe mit meinen bloßen Füße auf der Erde.
Eine Freundin schenkte mir einmal das Wort: Im Herzen barfuß.
Über die Schwelle

Ich gehe über die Schwelle. Rotgewandet und barfuß. Das Gras ist weich und gar nicht kalt. Was für eine Wohltat! Was für eine Erleichterung!
Mein Körper geht in Bewegung. Ich nehme wahr. Ich gehe mit.
Ich tänzle den Pfad hinunter. Leichtfüßig und innerlich singend. Mein Rotröckchen schwinge ich, den Rotschirm schwenke ich. Mal drehe ich mich hierhin und mal dorthin. Ich tänzle über das Gras.
Ich komme an.
Berühre und küsse die eine Birke.
Berühre und küsse die Bank.
Berühre und küsse die andere Birke.
Komme zu stehen.
Stehe an der Bank.
Spüre die eine Birke neben mir.
Spüre die andere Birke neben mir.
Spüre die Mächtigkeit dieser Bäume.
Über mir die Kronen der Birken.
Unter mir Erde, Steine, Zweige, Blätter, Gras.
Es ist gut so.
Dank

Bank, Birken, Blanka bei mir.
Zwetschgenwasser in geschliffenen, kelchförmigen Gläsern vom Trödel.
Wir feiern.
Wir trinken.
Wir danken.
Liebe Silja,
herzlichen Dank für deine geteilten Schreiben!
Danke für dein Teilen deines Schwellengangs, deiner Wandlung, barfuß und frei auf nasser Wiese, verbunden mit dem was war, was ist und dem was kommt. Du findest ganz wunderbar berührende Worte, die eingehen und ich gefühlt mit dir diesen deinen/euren Moment geteilt habe und was du schreibst und beschreibst so gut nachspüren kann. Wirklich schön – Danke 🙂
Ich bin sehr gespannt, wie sich dein weiterer Weg in deiner Schreibnatur finden und ausgestalten wird. Du spürst dich, du gibst dir Silja-Raum und ich bin sicher, das wird gut.
Sonnige Grüße in den April,
Anja
Hallo Silja,
danke für Deine fließend freudigen und erdig roten Erlebnisschilderungen. Wir sollten uns mehr erlauben „barfuß im Herzen“ unterwegs zu sein. Eine Sehnsucht inmitten unserer gelehrten Zivilisation. Ab und zu heraustreten tut gut, öffnet und weitet den Blick und das Herz.
Das konnte ich gut nachempfinden. Wie schön und wertvoll sind solche Natur-Erlebnisse.
Viele Grüße
Ute Kartal
Hallo Ute,
ich danke dir für dein Mitschwingen, deine Schlussfolgerungen und Erfahrungen.
Deine Zeilen bringen mir „sich erlauben“ in Erinnerung, das tut gut. „Öffnen und weiten“ lässt mich sogleich aufatmen. Und es ist mir eine Freude, dass wir den Blick für das Schöne solcher Natur-Erlebnisse teilen.
Ein wohltuendes barfußiges Unterwegssein in der Natur, immer einmal wieder, wünsche ich dir.
Herzliche Grüße
Silja